Abo

Modellstadt KölnPilotversuche für Öffnungskonzepte sind umstritten

Bild aus Tübingen - das Corona-Testergebnis am Handgelenk

Köln – Um in ausgewählten Kommunen ein sicheres Öffnungskonzept zu erproben, folgt das Land Nordrhein-Westfalen dem Modell der Stadt Tübingen. Die Pilotversuche sollen ab dem 6. April aufgebaut werden – und das voraussichtlich auch in Köln. „Wir gehen davon aus, dass wir zur Modellstadt werden, eine Zustimmung vom Land haben wir aber noch nicht“, sagte eine Sprecherin der Stadt am Freitag. Dies bedeute allerdings nicht, dass das damit verbundene digitale Angebot in der ganzen Stadt umgesetzt werden kann.

Zeitpunkt der Umsetzung unklar

„Das wird sich räumlich beschränken“, so Verkehrsdezernentin Andrea Blome, die vor gut einer Woche die Leitung des städtischen Krisenstabs von Oberbürgermeisterin Henriette Reker übernommen hat. Möglich wäre beispielsweise die Umsetzung in einem Einkaufszentrum, in dem es Testmöglichkeiten gibt. Außerdem könnte ein bestimmter Bereich in der Stadt ausgewählt werden, in dem die Gastronomie in Zusammenhang mit einem negativen Corona-Testergebnis genutzt werden kann. Wann genau diese räumlichen Modellprojekte umgesetzt werden, sei laut Stadt aber noch unklar.

SPD kritisert mangelnde Testmöglichkeiten

„Nach einem kompletten Jahr der Pandemie sind viele Menschen erschöpft und viele Unternehmen wirtschaftlich schwer getroffen – Da ist es verständlich, dass die Aussicht auf Lockerungen vielerorts positiv aufgenommen wird, weshalb wir diese grundsätzlich unterstützen“, sagt SPD-Fraktionschef Christian Joisten.  Derart weitgehende Öffnungen seien aber nur möglich, wenn nahezu flächendeckend getestet werde. „Davon sind wird aber meilenweit entfernt“, so Joisten. Insbesondere in den Stadtteilen mit besonders hohen Inzidenzwerten gebe es  fast einen Monat nach den ersten Lockerungen  so gut wie keine Testangebote. „Hier muss der Krisenstab der Stadt erstmal seine Hausaufgaben machen, sonst wird es nicht funktionieren“, sagt Joisten. Köln benötige daher ausreichend Tests und eine entsprechende Infrastruktur in der ganzen Stadt – ganz besonders in den ohnehin benachteiligten Stadtteilen im Kölner Norden und im Rechtsrheinischen. „Sonst wird Köln höchstens zur Modellstadt für explodierende Corona-Zahlen“, sagt Joisten.

Rainer Osnowski

Rainer Osnowski

Sehr angetan vom Testmodell ist Rainer Osnowski, Geschäftsführer der lit.Cologne: „Natürlich würden wir es mehr als begrüßen, wenn Köln Modellstadt würde und auch als solche Pilotprojekte in den verschiedenen Kulturbereichen umsetzt.“ Das Kölner Literaturfestival, eines der größten  Europas,  sehe sich  „selbstverständlich in der Lage, gemeinsam mit Stadt, Land und   Behörden ein für Mitwirkende und Publikum taugliches und sicheres Konzept umzusetzen.“  Ein solches sei  bereits entwickelt, das Programm in der Finalisierung. „Köln ist und bleibt Kulturstadt und kann und sollte als solche Vorreiter sein“ sagt Osnowski: „Wir sind bereit.“

Vorbehalte der Gastronomie

Norbert von der Grün, Geschäftsführer der Comedia Wagenhalle in der Südstadt, ist skeptischer: „Wir würden natürlich bei dem Modellversuch mitmachen, wenn auch mit großen Vorbehalten.“  Man merke an den Beschlüssen, dass die Politiker keine Ahnung vom Alltag hätten. „Ich glaube, hier wird uns jetzt ein kleines Zückerchen gegeben.“ Die Außengastronomie  im Hof der Comedia funktioniere in der Regel erst ab Mai – vorher komme wenig  Sonne hin und es gäbe keine Heizkapazitäten. Die Lebensmittellager müssten gefüllt werden. „Aber was ist, wenn wegen steigender Infektionszahlen doch wieder geschlossen werden muss?“  Viele Fragen seien noch ungeklärt: Können die Tests auch vor Ort gemacht werden? Und wer zahlt das dann? Wo sollen die Leute warten, bis das Ergebnis da ist? Bisher kenne er die Pläne nur aus den Medien, Informationen der Stadt oder des Hotel- und Gaststättenverbandes gab es noch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren:

Martin Lüchtefeld, Inhaber der beiden Bunert-Laufschuhläden in der Severinstraße und an der Aachener Straße, will auf jeden Fall mitmachen. „Das ist klasse“, sagt er. Als nur das Online-Bestellen und Abholen der Ware möglich war – „Parkplatzverkauf“, wie Lüchtefeld es nennt –, ging der Umsatz auf 15 Prozent zurück. Beim Einkaufen mit Termin (Click & Meet) stieg der Umsatz fast wieder auf das Normalmaß, alle 20 Mitarbeiter waren im Einsatz. „Das lief gigantisch gut.“ Doch diese Möglichkeit endet an diesem Samstag. „Da wäre es natürlich richtig gut, wenn es mit dem neuen Modell weiterginge.“ Geklärt werden müsse aber zum Beispiel, ob trotzdem noch eine Begrenzung von Besuchern pro Quadratmetern gelte.Im Stadthotel Am Römerturm in der Innenstadt reagiert man verhalten. Denn es sind einfach zu wenig Reisende unterwegs – beherbergt werden dürfen seit Monaten nur Geschäftsreisenden. „Aber da es keine Messen und Tagungen gibt, fehlt die Kapazität“, so eine Sprecherin. Ein „freier Zutritt“ mit Test würde also kaum etwas bringen. Laut den Zahlen von Köln-Tourismus lag die durchschnittliche Auslastung der Kölner Hotels im Januar bei 7,4 Prozent.

"Gut und wünschenswert"

Gregor Polzin, Konzertbüroleiter des Kölner Stadtgarten, findet die Idee eines Öffnungskonzeptes mit digitalem Nachweis über einen negativen Coronatest grundsätzlich „gut und wünschenswert“. Gleichzeitig ist er aber skeptisch, was die Umsetzung für die Veranstaltungsbranche angeht: „Wir brauchen Vorlauf, um ein Programm zu planen und die Möglichkeit, uns auf Öffnungen vorzubereiten.“ Was die digitale Kontaktrückverfolgung und Hygienekonzepte angeht, könnte der Betrieb hingegen gleich starten: „Das können und kennen wir. Im vergangenen Sommer konnten wir den Biergarten öffnen und Konzerte mit begrenzter Zuschaueranzahl unter freiem Himmel veranstalten.“ Vor Ort selbst Tests für die Besucher anzubieten, sei schwierig, aber wenn ein negatives Testergebnis etwa per App nachgewiesen werden könne, würde Polzin das begrüßen. Einen Clubbetrieb hingegen schließt er in Pandemiezeiten völlig aus: „Partys mit Maskenpflicht und Abstandsregeln – das geht gar nicht.“

Live Music Hall Micki Pick

Live Music Hall-Chef Micki Pick in der leeren Halle

Micki Pick, Betreiber der Live Music Hall in Ehrenfeld, bezeichnet sich selbst als großen Befürworter der Öffnungsperspektive: „Es gibt da gar keine Alternative zu. Das ist ein Weg, den wir gehen müssen. Solange es nicht genug Impfstoff für alle gibt, müssen wir testen, testen, testen. Und wenn das Ergebnis negativ ist, sollen die Getesteten auch in bestimmte Locations gehen können.“ Pick würde sich sehr freuen, wenn „wir die Leute endlich wieder aus ihrem Wohnzimmer holen können. Und die Leute, die sich nicht testen lassen wollen, haben in dem Laden dann einfach nichts zu suchen“. Doch er äußerte auch Zweifel daran, ob es nicht wieder zu viele bürokratische Barrieren für ein solches Öffnungsmodell geben werde.