„Köln war ein Drehkreuz“Klosterbuch offenbart Überraschendes zu Kölner Gotteshäusern

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St Gereon

Die romanische Kirche St. Gereon war früher eine Stiftskirche.

Köln – Im Kölner Olivandenhof schlagen Outdoor-Herzen höher. Ob wandern, klettern, campen in Gottes freier Natur, hier gibt es das Rüstzeug. Dabei war dieser Ort für Jahrhunderte das gerade Gegenteil: ein Ort des Rückzugs aus der Welt. Hier gab es das Rüstzeug für ein Leben im Glauben. Und das Franziskanerkloster St. Agnes ad Olivas war nur eines von 75 Klöstern und Stiften, denen im 18. Jahrhundert fast die Hälfte des Stadtgebietes gehörte – überall Klostermauern, Immunitätsbezirke, der Himmel hing voller Glocken und an Feiertagen müssen die Prozessionszüge ansehnliche Staus erzeugt haben.

Detailliert nachzulesen ist das auf über 700 Seiten im „Nordrheinischen Klosterbuch“, ein Gemeinschaftsprojekt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), der Universität Bonn und des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Der nun erschienene dritte Band der Lexikonreihe ist allein dem „hillijen Köln“ gewidmet. Denn mit mehr als 300 Kirchen und Kapellen war die größte deutsche Stadt des Mittelalters bis zur Franzosenzeit „ein außerordentlicher Verdichtungsraum geistlicher Institutionen“, so die Herausgeber.

40 Autorinnen und Autoren haben über Jahre hinweg alle einschlägigen Karten ausgewertet, versichern die Herausgeber, und alle Standorte von Kirchen und der sie umgebenden Kloster- bzw. Stiftsgebäude erschlossen.

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Alles über Kölner Kirchen und Kapellen

Auch zuvor gab es umfangreich Literatur, etwa die Jahrbücher des Fördervereins Romanische Kirchen Köln, in denen alle bekannten Kirchen und Kapellen mitsamt ihrer Ausstattung im Bereich der heutigen Kölner Altstadt weitgehend systematisch behandelt werden. Das neue Nachschlagewerk aber listet nun nach einheitlicher Systematik jeweils die Lage und Chronik der Institute auf, Ordenszugehörigkeit, Zahl der Mitglieder, Namen der Klosteroberen, bedeutende Lehrer und Schüler, Besitzungen, Ausstattung wie Kapellen Altäre, Reliquien, Gemälde, Orgeln, Glocken, Gräber, Bibliotheken, die heutige Lage ihrer Archive, Quellen, Akten, Ansichten und Fotos, dazu die weiterführende Forschungsliteratur.

Seit Mitte des 12. Jahrhunderts hatten fast alle Mönchs- und Nonnenorden des christlichen Europas in Köln ihre Niederlassungen. Dazu kamen – das war selbst für die Autoren überraschend – eine Fülle religiöser Frauengemeinschaften und Beginenkonvente, also Laienorden, für die sich Kölner Bürger engagierten. Denn hier konnten auch Frauen, die nicht aus Adelsfamilien stammten, ein geistliches Leben führen. Seit dem 13. Jahrhundert, so die Autoren, lebte eine „bemerkenswert große Zahl“ von Beginen in der Stadt. So wie heute die Cellitinnen waren sie in der Krankenpflege, Alten- und Armenversorgung oder so wie die Ursulinen im Bildungsbereich engagiert.

„Köln war ein Drehkreuz zur Stärkung der Orthodoxie“

In Köln residierten die neuen Bettelorden der Dominikaner, Franziskaner, Karmeliter und Augustinereremiten, die Ritterorden (Deutscher Orden, Johanniter), die Reuerinnen- und Antoniterorden. Nach der Reformation kamen Frauengemeinschaften wie die Klarissen, Kapuzinerinnen oder Karmelitinnen hinzu. Mitherausgeber Georg Mölich betont: „Das Klosterbuch macht den großen Einfluss Kölner Klöster und Orden im Zuge der Gegenreformation deutlich. Köln war ein Drehkreuz der Bewegung zur Bewahrung und Stärkung der römischen Orthodoxie.“ Damit Köln eine „Bastion“ des Katholizismus blieb, residierte ab 1584 der Päpstliche Nuntius in der Stadt, denn immer lauter wurden die Klagen über die Lässigkeit, mit der etwa adlige Domherren ihren Pflichten nachgingen. Die Kölner Kirche sei „wie ein Bauwerk ohne Fundament“, klagte der Nuntius insbesondere über eine unprofessionelle kirchliche Finanzverwaltung.

Dabei waren Stifte und Konvente – allen voran das Domkapitel, das Stift St. Gereon, gefolgt von St. Severin, St. Andreas, St. Pantaleon, St. Georg oder das vornehme Frauenstift St. Maria im Kapitol – üppig ausgestattet: durch Spenden, Pacht- und Mieteinnahmen aus Besitzungen, die in Köln und über das ganze Rheinland verteilt waren. Dazu kamen Zoll- und Steuerprivilegien, Pfründen, Gewerbeeinnahmen. Akribisch listet das Klosterbuch alle ökonomischen Aktivitäten auf, auch für St. Agnes ad Olivas: Anfang des 17. Jahrhunderts unterhielt das eher unbedeutende Kloster mit seinen 60 Bruderzellen ein Gasthaus, ein Brauhaus und einige Dutzend Webstühle, an denen auch angestellte Weber arbeiteten.

Klöster waren besser aufgestellt als angenommen

Der Niedergang der Klöster und Stifte wurde durch die Franzosen besiegelt. Vorher gab es teilweise einen geistig-geistlichen Niedergang, aber offenbar keinen materiellen. Ein wichtiges Ergebnis des Klosterbuches sei, so die Herausgeber, dass die Klöster und Stifte auch im 18. Jahrhundert in ökonomischer Hinsicht weitaus besser aufgestellt waren als bisher dargestellt. Trotz der Aufhebung vieler Klöster durch die Franzosen ist das Erzbistum Köln einer der größten Immobilienbesitzer der Kölner Innenstadt geblieben.

Viele Kirchtürme und Klostermauern sind längst verschwunden – Groß St. Nazareth gab Raum für den Klingelpütz, St. Agnes ad Olivas machte 1910 Platz für ein Geschäftshaus. Leider konnte das Klosterbuch nicht auch Bildmaterial aufnehmen. Doch ein Klick ins Rheinische Bildarchiv liefert historisches Anschauungsmaterial, auch zu St. Agnes ad Olivas: die stattliche Kirchenruine, aufgenommen kurz vor dem Abriss. Da war das Kloster bereits seit 100 Jahren verlassen und diente als Tabaklager, Fruchtmagazin und Kaserne. Auch von dem Geschäftshaus an der Zeppelinstraße blieben nur Teile der Fassade und der noch ältere Name, wobei unklar bleibt, was damit gemeint war: Olive, Elefant oder Kamel.  

Nordrheinisches Klosterbuch. Lexikon der Stifte und Klöster bis 1815, Teil 3: Köln.

Siegburg 2022 (Verlag Franz Schmitt), Manfred Groten/Georg Mölich/Gisela Muschiol/Joachim Oepen (Hg.), 759 Seiten, 3 Karten;  39,90 Euro.

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