GriechenlandEin Land hat sich berappelt – doch an vielen geht der Aufschwung vorbei

Lesezeit 8 Minuten
Party in einem Nachtclub in Athen. Zerbrochene Teller zeugen von einem Brauch: Das Zerschlagen von Porzellan soll verhindern, dass Freude gestört wird.

Party in einem Nachtclub in Athen. Zerbrochene Teller zeugen von einem Brauch: Das Zerschlagen von Porzellan soll verhindern, dass Freude gestört wird.

In der Euro-Krise drohte eine griechische Staatspleite. Mittlerweile wurde die Wirtschaft als „beste des Jahres“ ausgezeichnet. Wer profitiert vom Boom?

Deutschland schwächelt. Die Konjunktur lahmt, Streiks und Proteste bremsen die größte Volkswirtschaft Europas aus. Manche sprechen schon vom „kranken Mann Europas“. Ein Titel, den Griechenland lange ertragen musste. Doch das ist vorbei.

Der griechische Staat bekommt viel Lob für ein Comeback. Ausgerechnet das einstige Problemland, auf das viele in Deutschland während der Schuldenkrise im Euro-Raum geringschätzig herabsahen, gehört jetzt zu den Wachstumschampions in Europa. Fast 15 Jahre nach dem Beginn der schweren Finanzkrise ist aus dem schwarzen Schaf der EU ein Musterschüler geworden. Vom „Grexit“, dem Rauswurf aus dem Euro-Raum, spricht niemand mehr. Der einstige Pleitekandidat hat seine Staatsfinanzen im Griff – anders als Deutschland, wie griechische Kommentatoren jetzt feststellen.

Aber viele Menschen in Griechenland spüren den Aufschwung noch nicht. Und wer aufmerksam durch die griechische Hauptstadt geht, entdeckt Spuren der Krise. Zum Beispiel im Menschengewimmel der Ermou, Athens belebtester Einkaufsmeile, wo ein Mahnmal an den 5. Mai 2010 erinnert. Damals endete eine zunächst friedliche Demonstration in einer Tragödie. Griechenlands Gewerkschaften hatten zum Generalstreik gegen die Sparmaßnahmen aufgerufen, die die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou wenige Tage zuvor auf Geheiß der internationalen Kreditgeber verkündet hatte: Steuererhöhungen, Kürzungen des Mindestlohns, der Renten und der Gehälter im öffentlichen Dienst.

Alles zum Thema Angela Merkel

Trittbrettfahrer aus der Anarchoszene missbrauchten die Gewerkschaftskundgebung für ihre Agenda. Auf der Ermou zertrümmerten sie Schaufenster und warfen Molotow-Cocktails. Brandflaschen flogen auch in das Schaufenster der Marfin-Egnatia-Bank. Die meisten Mitarbeiter konnten vor den Flammen ins Freie fliehen. Aber drei Angestellte wurden von Rauch und Flammen überwältigt – und starben. Eine von ihnen war die im vierten Monat schwangere Angliki Papathanasopoulou. Die Brandstifter wurden nie gefasst.

Ära der Krise scheint vergessen

Eine Gedenktafel erinnert heute auf der Ermou an die drei Todesopfer des Brandanschlags. Die meisten Passanten gehen achtlos an dem Mahnmal vorbei. Es ist eine der wenigen sichtbaren Spuren der griechischen Schuldenkrise, die das Land in den 2010er-Jahren fast in die Staatspleite trieb. Damals stand auf der Ermou jeder dritte Laden leer. Diese Ära scheint heute wie vergessen. In der Fußgängerstraße, die nach Hermes benannt ist, dem antiken Gott der Reisenden, der Kaufleute und der Diebe, herrscht Hochbetrieb. Die Geschäftsmieten können sich mit denen in Mailand und München messen. 85.000 Euro Monatsmiete zahlt Nike hier für seinen Shop.

Griechenland ist wieder da. Zum zweiten Mal in Folge vergab das angesehene Wirtschaftsmagazin „The Economist“ jetzt das Prädikat für die „beste Wirtschaft des Jahres“ 2023 nach Athen. Schon 2022 hatte Hellas den Titel geholt. Das sei „ein weiterer unerwarteter Triumph“ und „ein bemerkenswertes Ergebnis für ein Land, dessen Name noch vor Kurzem gleichbedeutend mit Missmanagement war“, kommentierte das Magazin.

Tatsächlich glänzt der einstige Pleitestaat mit beeindruckenden Leistungen. Die griechische Wirtschaft wuchs in den vergangenen drei Jahren kumulativ um 16,4 Prozent. Im Durchschnitt der Euro-Zone waren es nur 9,9 Prozent. Anders als in manchen anderen Euro-Staaten ist eine Rezession in Griechenland nicht in Sicht. In diesem Jahr erwartet die Regierung ein Wachstum von 2,9 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt dagegen für den Euro-Raum nur ein Plus von 0,8 Prozent an.

Anleger haben wieder Vertrauen in griechische Wirtschaft

Immer noch ist Griechenland das am höchsten verschuldete Land in der EU. Aber kein anderer EU-Staat hat seine Schuldenquote seit 2020 so schnell gesenkt, nämlich um 45 Prozentpunkte von 206 auf 161 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 2009 hatte das Haushaltsdefizit schwindelerregende 15,6 Prozent des BIP erreicht.

Im vergangenen Jahr stand Griechenland mit einem Fehlbetrag von 2,3 Prozent besser da als der EU-Durchschnitt mit minus 3,1 Prozent. Die Arbeitslosenquote ist zwar immer noch die zweithöchste in der EU nach Spanien, fiel aber im Herbst 2023 erstmals seit 14 Jahren wieder unter die 10-Prozent-Marke. Das Wirtschaftsklima in Griechenland liegt bei 106 Punkten, gegenüber 95,6 im EU-Durchschnitt – und nur 86,4 in Deutschland. Auch an der Athener Börse könnte die Stimmung besser kaum sein. Der Leitindex Athex Composite legte im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent zu. Das war die beste Performance in Europa.

Drei der vier großen Ratingagenturen bewerten Griechenland inzwischen wieder als investitionswürdigen Schuldner. Während der Schuldenkrise sprach man an den Finanzmärkten von griechischen Staatsanleihen spöttisch als „Ouzo-Bonds“ – eine Anspielung auf die Rendite der Papiere, die damals mit fast 40 Prozent ähnlich hoch war wie der Alkoholgehalt des griechischen Nationalschnapses. Heute liegen die Renditen griechischer Anleihen unter denen entsprechender italienischer Papiere. Das zeigt: Die Anleger halten Griechenland für kreditwürdiger als Italien.

Die Finanzmarktteilnehmer honorieren damit nicht nur den Schuldenabbau und die fiskalische Disziplin, sondern auch die politische Stabilität in Athen. Der konservative Premierminister Kyriakos Mitsotakis, der das Land seit 2019 regiert, verteidigte bei den Wahlen im Juni 2023 seine absolute Mehrheit. Er verbindet eine wirtschaftsfreundliche Politik mit einer starken sozialen Komponente wie Steuersenkungen und Erhöhungen des Mindestlohnes und der Renten. „Wir lassen die Schwierigkeiten hinter uns und können zuversichtlicher in die Zukunft sehen“, sagte Mitsotakis in seiner Neujahrsbotschaft.

Spuren des „Spardiktats“ – Deutlicher realer Einkommensrückgang

Also alles gut in Griechenland? Nicht ganz. Die makroökonomischen Zahlen sehen zwar gut aus, aber bei vielen Menschen kommt der Aufschwung nicht an. Sie spüren bisher nichts vom griechischen Wirtschaftswunder. Nach Angaben der staatlichen Sozialversicherungsanstalt Efka betrug der Bruttoverdienst eines Vollzeitbeschäftigten in Griechenland im Vorkrisenjahr 2009 durchschnittlich 1379 Euro. 2023 waren es nur 1251 Euro. Teilzeitbeschäftigte verdienten 2009 im Schnitt 540 Euro brutto, jetzt sind es 430 Euro. Berücksichtigt man die Inflation, haben heute die griechischen Erwerbstätigen ein Drittel weniger Einkommen zur Verfügung als vor der Krise, zeigen Daten der Statistikbehörde Elstat.

Wir lassen die Schwierigkeiten hinter uns und können zuversichtlicher in die Zukunft sehen
Kyriakos Mitsotakis, griechischer Ministerpräsident

Dass es vielen Menschen in Griechenland heute schlechter geht als vor der Krise, ist auch ein Resultat der Rettungsprogramme. Hilfskredite von 289 Milliarden Euro überwiesen die Euro-Partner und der Internationale Währungsfonds in den Jahren 2010 bis 2018 nach Athen. Es war die größte Rettungsaktion der internationalen Finanzgeschichte. Die Gelder bewahrten den griechischen Staat vor dem Bankrott. Aber sie trieben viele Menschen ins Elend.

Als Gegenleistung für die Hilfskredite musste Athen ein rigides Sparprogramm durchziehen. Renten wurden rigoros gekürzt, die Ausgaben im Gesundheitswesen zusammengestrichen, öffentliche Investitionen zurückgefahren. Das Spardiktat trieb das Land in die tiefste und längste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte um mehr als ein Viertel. Auf dem Höhepunkt der Krise erreichte die Arbeitslosenquote fast 28 Prozent. Die Menschen verloren vor allem durch die fallenden Immobilienpreise im Schnitt 40 Prozent ihres Vermögens.

Tiefe Spuren hat die Krise im Verhältnis zu Deutschland hinterlassen. Viele Menschen in Griechenland sahen in den Auflagen der Kreditgeber vor allem ein „deutsches Spardiktat“. Angela Merkel war damals die mit Abstand unbeliebteste ausländische Politikerin. Demonstranten bauten auf dem Athener Syntagmaplatz einen Galgen auf, an dem eine Merkel-Puppe baumelte. Karikaturisten zeichneten die Kanzlerin als Zirkusdompteuse, die mit ihrer Peitsche griechische Rentner zum Sprung durch einen brennenden Reif antrieb. Deutsche Boulevardmedien revanchierten sich mit Schlagzeilen wie: „Ihr Pleite-Griechen, verkauft doch eure Inseln – und die Akropolis gleich mit!“ Die damals geschlagenen Wunden im deutsch-griechischen Verhältnis sind bis heute nicht verheilt. Nicht ohne Schadenfreude berichten griechische Medien jetzt von Deutschland als dem „kranken Mann Europas“.

Griechenland: Viel Armut trotz Fleißrekord

Aber dass Griechenland voll und ganz gesundet sei, kann man nicht sagen. Heute sind nach Angaben des Statistikamtes Elstat 26,3 Prozent der griechischen Bevölkerung armutsgefährdet. Das ist der zweithöchste Prozentsatz in der EU nach Bulgarien. Gefühlt ist die Armut noch größer. Laut einer Umfrage von Eurostat bezeichnen sich 68,4 Prozent der Menschen in Griechenland als „arm“. 61 Prozent sagen, dass ihr Einkommen für den Lebensunterhalt „gerade mal reicht“. Etwas zurücklegen können nur 23 Prozent. 18 Prozent können im Winter nicht ausreichend heizen.

An mangelndem Fleiß der Menschen, die deutsche Boulevardblätter in der Schuldenkrise als „faule Griechen“ an den Pranger stellten, liegt es nicht: Mit einer durchschnittlichen geleisteten Wochenarbeitszeit von 41 Stunden hielten die Griechinnen und Griechen 2022 den Rekord in der EU, noch vor Bulgarien und Polen. Zum Vergleich: Deutschland kam auf 34,7 Stunden.

Ein Problem in Griechenland ist allerdings die niedrige Produktivität. Das liegt nicht an der Faulheit der Menschen, sondern an den kleinen Betriebsgrößen und der schlechten Ausstattung vieler Unternehmen. Auch das hat mit der Krise zu tun. Ökonomen schätzen die Investitionslücke der Krisenjahre auf rund 100 Milliarden Euro. Zwar sind die privaten Investitionen seit dem Amtsantritt der konservativen Regierung 2019 um 44 Prozent gewachsen, sie liegen mit einem Anteil von 14 Prozent am BIP aber immer noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 23 Prozent. Umso wichtiger sind jetzt weitere Reformen, zum Beispiel in der Justiz und der öffentlichen Verwaltung, um Griechenland für Investoren attraktiver zu machen.

Auch bei der Wirtschaftsleistung hat Griechenland noch Nachholbedarf. Vor Beginn der Krise betrug das BIP 238 Milliarden Euro. 2023 waren es trotz des überdurchschnittlich starken Wachstums erst 206,6 Milliarden. Bis Griechenland inflationsbereinigt wieder das Vorkrisenniveau erreicht, wird nach Berechnungen der griechischen Eurobank noch etwa ein Jahrzehnt vergehen.

KStA abonnieren