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Rahmenplan für Zeit nach der Braunkohle stehtTagebau Hambach wird ab 2030 geflutet

Lesezeit 6 Minuten
Rheinwasser fließt über eine Doppelkaskade an der Porta Sophia in den Tagebau Hmabch

Das Ausgangsszenario im Jahr 2030: Rheinwasser fließt über Kaskaden an der Porta Sophia in den Tagebau Hambach.

Schon 2040 soll im Hambach See geschippert und geplanscht werden. Dann wird er Planungen zufolge 1300 Hektar groß und 200 Meter tief sein.

Dezember 2029. Über die kilometerlangen Förderbänder verlässt die letzte Tonne Braunkohle den Tagebau Hambach. Der hat fortan nur noch eine Aufgabe. Er muss sich möglichst schnell volllaufen lassen. Mit 18 Kubikmetern Rheinwasser pro Sekunde, die über das Einleitbauwerk an der Porta Sophia bei Elsdorf in die riesige See-Mulde stürzen, wobei sie von Besuchern aus nächster Nähe beobachtet werden können.

„In den ersten sechs Jahren wird das Rheinwasser nur für uns fließen“, sagt Boris Linden, Geschäftsführer der Hambach Neuland GmbH. Erst ab 2040 wird sich der Schluckspecht die kostbare Fracht, die über eine 45 Kilometer lange Transportleitung von Dormagen herangeführt wird, mit dem Tagebau Garzweiler teilen müssen.

Pro Jahr 340 Millionen Kubikmeter Rheinwasser für die Tagebauseen

Bis dahin soll der Hambach See aber schon rund 1300 Hektar groß und rund 200 Meter tief sein. Voll genug, um erste Freizeitaktivitäten möglich zu machen. Mit öffentlichen Zugängen zum Wasser, die sich dem stetig steigenden Pegel anpassen, mit Pontons und Stegen, Gewächshäusern und Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien.

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30 Jahre später wird der See mit 4,3 Milliarden Kubikmetern und einer Tiefe von bis zu 365 Metern seinen geplanten Wasserstand erreicht und Elsdorf sich zu einer Stadt am See mit einer acht Kilometer langen Uferkante entwickelt haben.

Dass der Rhein über einen Zeitraum von 40 Jahren die gigantische Wassermenge von 340 Millionen Kubikmetern liefern kann, gilt nach Untersuchungen des Landesamts für Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) als gesichert.

Selbst beim ungünstigsten Szenario würde sich die durchschnittliche Entnahmemenge laut Lanuv nur um zehn Prozent verringern. Mit der Folge, dass es bis zu fünf Jahre länger dauern könnte, ehe der Hambach See und der Garzweiler See ihren kompletten Füllstand erreichen. Bei niedrigen Wasserständen dürfen nur sehr geringe Mengen entnommen werden. Der Pegel darf dadurch höchstens um vier Zentimeter zurück gehen. Der Indesee im ehemaligen Tagebau Inden soll komplett mit Wasser aus der Rur gespeist werden.

Das alles klingt nach ferner Zukunft und ist doch zum Greifen nah. Zwei Jahre lang hat die Neuland Hambach GmbH an einem Rahmenplan gearbeitet, wie das in seiner ursprünglichen Planung 8500 Hektar große Abbaugebiet im Rheinischen Revier den Weg ins Morgen finden kann. 8500 Hektar, das ist ungefähr die Gesamtfläche der Stadt Düren.

Und das unter Hochdruck, weil die politische Entscheidung der Bundesregierung zum vorzeitigen Kohleausstieg im Jahr 2030 alle bisherigen Grundannahmen über den Haufen warf. „Bis dahin waren alle davon ausgegangen, dass wir acht Jahre länger Zeit haben werden“, sagt Linden. Eine Entwicklung, die auch das Land NRW dazu zwang, innerhalb eines Jahres zu entscheiden, wie sich die Tagebaulandschaften nach dem Kohle-Aus weiterentwickeln sollen.

Seit Ende 2023 liegt dem NRW-Wirtschaftsministerium für den Tagebau Hambach nach Angaben der Bezirksregierung Köln der neue Braunkohlenplan vor, der im Detail regelt, wie der Abbau bis zum vorzeitigen Ende der Förderung laufen soll und welche Rekultivierungsmaßnahmen vom Energiekonzern RWE Power anschließend zu übernehmen sind.

„Es ist uns gelungen, unseren Rahmenplan für die Zukunft des ehemaligen Tagebaus eng mit dem Braunkohlenplan abzustimmen“, sagt Boris Linden. „Das war nicht selbstverständlich.“ Das bestätigt Michael Eyll-Vetter, Leiter der Sparte „Entwicklung Braunkohle“ bei RWE. Man habe „das raumplanerisch Wünschenswerte mit dem technisch Machbaren“ in Einklang gebracht. Der Auftrag von RWE ist klar umrissen. „RWE muss sich praktisch um den Rohbau kümmern, dafür sorgen, dass der neue See nicht absäuft, es funktionierende Wälder und eine funktionierende Landwirtschaft gibt“, so Neuland-Geschäftsführer Linden.

Am Donnerstag wurde der Rahmenplan in Niederzier vor rund 250 Gästen aus Politik, Verwaltung und der Bürgerschaft vorgestellt. Die sechs an den Tagebau grenzenden Kommunen Jülich, Titz, Niederzier, Elsdorf, Kerpen und Merzenich, deren Gemeindegebiete teilweise bis zu einem Drittel im ursprünglichen Abbaugebiet liegen, haben sich auf eine gemeinsame Raumstrategie verständigt, „die weit über die bergrechtlichen Verpflichtungen zur Wiedernutzbarmachung hinausgeht“, sagt Linden. Das gemeinsame Ziel sei, dass oft noch konträr wahrgenommene Themen wie Städtebau, Biotopverbund, Tourismus, Mobilität, Landwirtschaft und die Produktion erneuerbarer Energien ein produktives Ganzes bilden. „So soll ein für Nordrhein-Westfalen einzigartiger Raum entstehen, der sich zunehmend selbst trägt.“

Doch was heißt das konkret?

Der Hambach Loop soll Rad- und Wanderweg zusammen mit Reitwegen rund um die Sophienhöhe und den Tagebau führen. Der Weg könnte schon wenige Jahre nach dem Ende des Tagebaus mit Rastplätzen und Aussichtplattformen aufwarten.

Um alte gekappte Verkehrswege wiederherzustellen, sollen neue Mobilitätssysteme weg vom Individualverkehr entstehen. Autos sollen hauptsächlich die Ersatzstraßen befahren, die durch den Bergbau entstanden sind. Verknüpft werden sollen die Wege durch erweiterte Bahnverbindungen, die Umnutzung der alten Kohletrasse, auf der die Hambachbahn verkehrte, durch Mobilstationen und eventuell durch eine Seilbahn.

Die Manheimer Kirche, gerade noch vor den Kohlebaggern gerettet, das markante Wahrzeichen des ehemaligen Dorfs, soll sich zu einem Kulturpark mit dörflichem Charakter entwickeln.

Das ebenfalls verschont gebliebene Alt-Morschenich, das künftig nach dem ursprünglichen Namen des Hambacher Forstes Bürgewald heißen wird, könnte sich mit einem Grünstrand zum Seeufer öffnen. Eine Feriensiedlung mit Tiny Houses am Waldrand könnten dem Ort ein neues Profil verschaffen.

Das Niederzierer Seeufer ist nach Auffassung der Planer wegen seiner Lage am Fuß des Waldes ein Tor zur Sophienhöhe und soll als Alleinstellungsmerkmal einen breiten Schwimmsteg erhalten.

Auf der Sophienhöhe ist am Rand der Goldenen Aue ein Besucher- und Informationszentrum geplant, das mit Aussichtspunkten, Ausstellungen, Gastronomie und Freizeitangeboten ein Startpunkt für Ausflüge in die Rekultivierung sein kann. Weiter Blick auf die Region und den Hambach See inklusive. Über umweltfreundliche Verkehrsangebote wie Elektrobus-Shuttles oder auch eine Seilbahn soll das Besucher- und Informationszentrum barrierefrei erreichbar sein.

Und Elsdorf? Bis zur Stadt am See mit einer Marina, Stränden, Sport- und Wassersportangeboten und einem acht Kilometer langen Uferstreifen werden tatsächlich noch mehr als 40 Jahre ins Land ziehen. Doch auch hier gibt es Pläne, die sich deutlich früher in die Tat umsetzen lassen.

Auf dem Gelände der Zuckerfabrik soll beispielsweise der „Food Campus Elsdorf“ als Forschungs- und Innovationszentrum für Bioökonomie mit dem Schwerpunkt Lebensmittel entstehen.

Die gut erschlossene 120 Hektar große Fläche der Tagesanlagen und des Kohlebunkers, die auf dem Gebiet der Gemeinde Niederzier liegen und nach 2030 nicht mehr gebraucht werden, will die Neuland Hambach GmbH in einen Gewerbepark verwandeln, dessen Schwerpunkt die regenerative Energieerzeugung sein könnte.

Und was wird aus dem Hambacher Forst, der Keimzelle der Klimaprotestbewegung? Seit vier Jahren steht fest, dass er zusammen mit der Steinheide und dem Merzenicher Erbwald zu einem Waldgebiet vernetzt werden soll. Ob die Flächen, die sich noch im Eigentum von RWE befinden, an die Kommunen zurückfallen oder es andere Lösungen geben muss, ist völlig offen.

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