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Interview zu den TagebauseenDirk Jansen: „Die Braunkohle hat sich nicht gelohnt“

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Dirk Jansen trägt eine Brille und eine hellgrüne Jacke. Er lächelt in die Kamera. Im Hintergrund Bäume und Büsche.

Dirk Jansen engagiert sich seit über 30 Jahren beim Bund und Naturschutz Deutschland in NRW.

RWE hat die Genehmigung für die Rheinwasserleitung bekommen. Dirk Jansen kritisiert, es seien noch vitale Fragen des Seeprojekts ungeklärt.

Dirk Jansen, RWE hat grünes Licht für den Bau der Rheinwassertransportleitung bekommen. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Dirk Jansen: Das ist nicht überraschend. Überraschend ist höchstens, dass das so lange gedauert hat. Das ganze Genehmigungsverfahren war von Anfang an darauf ausgelegt, die Befüllung der Restlöcher möglich zu machen. Bedenklich ist die Salamitaktik, mit der hier vorgegangen wurde.

Was meinen Sie damit?

Bau und Pipeline sind schon genehmigt, obwohl Experten noch darüber streiten, welche qualitativen Anforderungen für das Wasser gelten müssen, das in den Tagebau fließen soll. Erst später wird darüber befunden, ob das entnommene Rheinwasser überhaupt in die Restlöcher und in die Grundwasserkörper eingeleitet werden darf. Dieses Verfahren müsste formal ergebnisoffen geführt werden. Stattdessen wird alles dafür getan, die Pläne von RWE und die seit langem feststehenden Absichten für die Restlöcher möglich zu machen. Das ist aus meiner Sicht bedenklich, aber nicht unüblich in Nordrhein-Westfalen.

Welche Bedenken haben Sie, was die aktuellen Pläne angeht?

Der Rhein ist schon jetzt Bundeswasserstraße, dient der Wasserversorgung von zig Millionen Menschen über Rheinuferfiltrat, er versorgt Industrie und Kraftwerke mit Wasser, er ist Abwasserkanal. Die gesetzlichen Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie nach einem guten ökologischen Zustand sind noch in weiter Ferne. Wenn ich auch noch für die Seen jedes Jahr bis zu 340 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rhein entnehme, beeinträchtigt das sein Ökosystem noch mehr, ganz zu schweigen von dem Entnahmebauwerk, was jetzt in die Rheinaue geklotzt wird.

Entscheidung für See im Tagebau Hambach kam in den 1970ern

Ist Wasser aus dem Rhein sauber genug für das Projekt?

Im Rheinwasser finden sich Schadstoffe wie PFAS, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Pestizide, Arzneimittelrückstände, Mikroplastik und Phosphate. Deshalb haben wir immer gefordert, dass eine Reinigungsstufe vorgeschaltet wird, bevor es in die Restlöcher, das Grundwasser und die Feuchtgebiete von Schwalm-Nette fließt. Das ist bislang nicht vorgesehen. Dabei gibt es klare Anforderungen für das Grundwasser und Oberflächengewässer. Aber ab wann unterliegt das Restloch den Zielvorgaben der Wasserrahmenrichtlinie? Bislang sagen die Strategen von RWE: Das Ding ist ja erst dann See, wenn es voll ist. Dann ist es im Zweifel zu spät.

Deswegen tröstet mich die Aussicht darauf, dass die nachfolgenden Generationen vielleicht irgendwann mal bei Sonnenuntergang mit Aperol Spritz auf dem Steg der Marina in Elsdorf sitzen können, herzlich wenig.
Dirk Jansen zum vorhaben, die Tagebaue zu Seen zu machen

Wie kam die Entscheidung für die Tagebauseen denn zustande?

Der Tagebau Hambach ist mit dem Braunkohleplan 1977 auf den Weg gebracht worden. Schon damals hat man erkannt, dass Restlöcher übrigbleiben werden. Die Kohle hat man herausgeholt und den sogenannten Abraum auf die Sophienhöhe gekippt. Jetzt will man nicht darauf warten, bis sich im Restloch wieder von allein natürliche Grundwasserverhältnisse einstellen, was ja auch sehr lange dauern würde, sondern man will dem künstlich nachhelfen. Für Garzweiler ist das im Jahre 1995 im Braunkohleplan festgelegt worden. Diese gigantischen Braunkohlegruben zu fluten, ist für RWE sicherlich eine kostensparende und elegante Lösung. Ob das alles funktioniert und dann blühende Badeparadiese entstehen, wird die Zukunft zeigen.

Was wäre Ihres Erachtens die Alternative gewesen, die man genauer hätte durchleuchten sollen?

Wenn einmal der gigantische Eingriff durch den Braunkohletagebau da ist, dann sind alle Lösungen, um das ansatzweise zu reparieren, mit großen Problemen verbunden. Man hätte zumindest überlegen sollen, was ohne einen neuen großen Eingriff passieren würde. Überlässt man das Loch sich selbst, würde im Laufe der Zeit durch die natürliche Grundwasserneubildung auch ein See entstehen. Die Böschung wäre dann aber instabil. Das Loch wäre also nicht nutzbar, bis sich ein Gleichgewicht einstellt. Das wäre aus ökologischer Sicht hochspannend gewesen, weil unheimlich viel in so einem Loch passiert. Die Ökologie stand aber nie im Vordergrund, obwohl das eigentlich eine Reparaturmaßnahme sein sollte. Der Fokus liegt auf einer schnellen Nutzung, etwa für Photovoltaik oder Tourismus, also auf Marinas, Bötchen und Wohnen am See.

BUND will größere ökologische Zonen für Inden, Garzweiler und Hambach

Können Sie dem nichts abgewinnen?

Die Folgen durch den Tagebau sind zum Teil irreversibel. Selbst nach Angaben von RWE werden wir noch in 200, 300 Jahren mit den wasserwirtschaftlichen Folgen durch die Braunkohlentagebaue zu kämpfen haben. Deswegen tröstet mich die Aussicht darauf, dass die nachfolgenden Generationen vielleicht irgendwann mal bei Sonnenuntergang mit Aperol Spritz auf dem Steg der Marina in Elsdorf sitzen können, herzlich wenig.

Trotzdem macht der See vielen Hoffnung, dass eine vom Tagebau gebeutelte Landschaft durch einen See einen positiven Wandel erlebt. Gibt es ein Seekonzept, mit dem sie glücklicher wären?

Wir haben alternative Planungen für die Tagebaue Inden, Garzweiler und Hambach aufgestellt. Wir kämpfen dort für größere ökologische Vorrangzonen. All das findet bei der Politik keine Mehrheit. Das kann ich ein Stück weit auch verstehen, weil die ganze Region jahrzehntelang durch den Braunkohlebergbau gelitten hat und die Kommunen jetzt schnell neue Nutzungen anstreben. Aber letztendlich ist das Ganze ein Experiment, bei dem der Ausgang noch nicht klar ist. Volkswirtschaftlich und ökologisch kann man sagen: Die Braunkohle hat sich für die Menschen und für die Umwelt hier in der Region nicht gelohnt. Und im Zweifel kommt noch das dicke Ende. Deswegen wäre es umso wichtiger, dass man jetzt Vorsorge dafür trifft, dass der Verursacher, nämlich die RWE Power AG, vollständig für diese ganzen Risiken haftet.

Sie hören als Geschäftsführer auf und werden Beauftragter des BUND NRW für das Rheinische Revier. Was ist Ihr vorläufiges Fazit?

Ich habe jetzt mein ganzes Berufsleben mit der Braunkohle verbracht. Letztendlich haben wir mit dem vorzeitigen Kohleausstieg einen Sieg errungen. Wir konnten zumindest Teile des Hambacher Waldes juristisch retten. Wir brauchten dafür einen langen Atem und viel Zähigkeit. Aber ich sehe als Düsseldorfer die Wasserdampf- und Giftschwaden, wenn ich aus dem Fenster schaue. Es ist schon heftig, was wir unserer Natur angetan haben. Wir mahnen seit Jahren an, dass eine ökologische Gesamtbilanz des Braunkohletagenbaus fehlt. Da sehen wir die Landesregierung in der Pflicht. Die übrigen rekultivierten Flächen sollten auch wieder in öffentliches Eigentum überführt werden und dann wirklich nachhaltig und sanft genutzt werden. Also es gibt noch sehr, sehr viele Aufgaben, die zu klären sein werden.