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Mainzer Bischof Kohlgraf im Gespräch„Bei der Ämterverteilung ist viel Luft nach oben“

Lesezeit 8 Minuten
Peter Kohlgraf

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf

Köln – Peter Kohlgraf, geb. 1967 in Köln, ist seit 2017 der Nachfolger Kardinal Karl Lehmann als Bischof von Mainz. Dort war Kohlgraf zuvor Professor für Pastoraltheologie. Am „synodalen Weg“, einem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, wirkt Kohlgraf als Mitglied des Forums „priesterliche Lebensform“ mit. (jf) 

Herr Bischof, wenn Sie die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche in Deutschland auf einen Begriff bringen sollten, welcher wäre das?

Kohlgraf: Ich stelle ein Auseinanderbrechen der christlichen Botschaft und der Lebenswirklichkeit der Menschen fest, und zwar auch der Menschen in der Kirche. Das reicht hinein bis in die Sprache unserer Verkündigung und die Glaubensvermittlung in der Katechese. Umso wichtiger ist, dass wir in der Kirche diese Kluft zur Realität wahrnehmen und sie zu schließen versuchen. Darin sehe ich die Aufgabe des zuletzt so viel diskutierten synodalen Wegs.

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Steht die Kirche dem Evangelium im Weg?

Ich erlebe beides. In unseren Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen findet vieles an Begegnung mit der Kirche statt, die von den Menschen als glaubwürdig, lebensdienlich und freiheitsfördernd wahrgenommen wird und sie zu dem Schluss kommen lässt: Die christliche Botschaft hat etwas Gutes für mich. Aber in der Außenwirkung der Kirche insgesamt ist es unbestreitbar, dass Menschen sie als nicht hilfreich erleben und sich von ihr distanzieren.

Und dem wollen die Bischöfe jetzt begegnen, indem sie die katholische Sexualmoral und den Zölibat problematisieren?

Diese Themen haben ja nicht ein paar von uns Bischöfen erfunden, die mal ein bisschen Wirbel machen wollten. Sie sind uns allen vielmehr von der großen Missbrauchsstudie aus dem Jahr 2018 zur Bearbeitung aufgegeben worden: der Umgang mit Macht in der Kirche und, ja, auch die Sexualmoral und die priesterliche Lebensform. Dazu noch das Thema „Frau in der katholischen Kirche“, das nach meinem Erleben tatsächlich sehr viele Menschen massiv umtreibt und sogar auf die Straße bringt.

Sie spielen auf „Maria 2.0“ an. Was halten Sie von dieser Initiative, die für Gleichberechtigung und den Zugang der Frauen zu den Ämtern eintritt?

Ich stelle fest: Das sind hoch engagierte Frauen – und auch Männer – aus der Mitte unserer Gemeinden. Und auch wenn am Ende des synodalen Wegs sicher nicht die Frauenordination stehen wird, halte ich es für entscheidend, dass wir uns auf die Erfahrungen und Denkweise derer einlassen, die in dieser Frage nach Bewegung und Veränderung rufen.

Was könnte denn am Ende des synodalen Wegs stehen, was Sie als Erfolg bewerten würden?

Es muss jedenfalls mehr sein als „gut, dass wir darüber geredet haben“. Wenn es dabei bliebe, wäre das ein ungeheures Frustpotenzial. Die Gefahr ist da. Wir werden deshalb erste Schritte gehen müssen in einer Neuverteilung von Leitungsverantwortung – jenseits des geweihten Amtes. Da ist sehr viel Luft nach oben. Es wäre doch schon viel gewonnen, wenn die Kirche überall dort, wo es schon heute möglich ist, eine geschlechtergerechte Kirche ist.

Viele Katholikinnen werden das wieder einmal als bloße Vertröstung empfinden.

Das ist mir bewusst. Deshalb habe ich den Aktivistinnen von Maria 2.0 versprochen: Ich werde ihr Unverständnis nach Rom weitergeben. Wir schauen gemeinsam in dieselbe Richtung. Ich bekomme ja auch mit, dass der Unmut über den Ausschluss der Frauen von den Ämtern insgesamt so dominant ist, dass es schier unmöglich wird, zu anderen Fragen noch durchzudringen. Konkret: Ich gelange in vielen Gesprächen gar nicht mehr bis zur Frage nach Gott oder nach dem, was einen Menschen im Glauben bewegt. Ganz ehrlich: Ich empfinde das als Lähmung für die Evangelisierung. Zudem muss ich schlicht konstatieren, dass die Einwände Roms gegen die Frauenordination vielfach nicht überzeugen. Und es reicht heutzutage einfach nicht mehr, zu sagen, „Rom hat entschieden, und deshalb reden wir nicht mehr darüber“.

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Sie haben unlängst davor gewarnt, den Begriff Evangelisierung als Kampfbegriff einzusetzen. Was wollten Sie damit sagen?

Ich wehre mich dagegen, dass die Reformanliegen, denen wir uns auf dem synodalen Weg stellen wollen, zu Nebensächlichkeiten oder „bloßen Strukturfragen“ erklärt werden und das Wort vom „Primat der Evangelisierung“ zum Gegenbegriff erhoben wird. Ich habe den Eindruck, damit sollen Themen abgeräumt werden, die doch fraglos dran sind – noch einmal Stichwort „Missbrauchsskandal“. Auch ich bin natürlich für Evangelisierung. Aber ich möchte schon wissen, was bei denen im Kopf vorgeht, die uns das jetzt als primäre Aufgabe vorhalten. Wenn damit gemeint wäre, dass wir die christliche Botschaft in die Welt tragen sollen, dann sage ich: „Ja, sicher! Ich versuche doch von morgens bis abends nichts anderes.“ Wenn aber gemeint ist, dass die Kirche schon vorher weiß, was sie den Menschen antworten wird und deren Fragen dann eigentlich gar nicht interessieren, dann wird Evangelisierung ein Kampfbegriff. Außerdem halte ich es für falsch, die Reformthemen des synodalen Wegs als „bloße Strukturfragen“ klein zu reden und abzuwerten.

Warum?

Weil es hier um viel mehr als um Strukturen geht. Aber selbst wenn: Schlechte Strukturen müssen verändert werden, weil sie der Glaubensverkündigung hinderlich sind. Und selbst der Papst plagt sich bei seiner geplanten Kurienreform doch mit Strukturfragen herum. Also kann das so falsch nicht sein.

Auf der am 6. Oktober beginnenden Amazonas-Synode ist die mögliche Öffnung des Priesteramts für verheiratete Männer ein Thema. Trifft sich das mit den Überlegungen des synodalen Wegs zur Zukunft der priesterlichen Lebensform?

Öffentlich wird die Debatte meist auf die Frage zugespitzt: Kippt der Zölibat – ja oder nein? Ich wünsche mir die Einordnung in einen größeren Horizont und erhoffe mir auch Antworten, wie der Zölibat heute und in Zukunft gelebt werden kann. Ich lebe selbst zölibatär und halte das für eine Lebensform, deren Verschwinden ich sehr schade fände. Es wäre eine Verarmung der kirchlichen Landschaft.

Warum ist das für Sie persönlich ein Reichtum?

Weil es eine – nicht die einzige, aber eine mögliche - Lebensform ist, die Jesus seinen Jüngern vorschlägt. Die Vielfalt der Nachfolge macht den Reichtum der Kirche aus.

Aber wenn es in Rom jetzt zu einer Lockerung des Zölibats für die Amazonas-Region käme, würden die deutschen Bischöfe das dann auch für die deutsche Kirche beantragen?

Es geht doch nicht nur um die deutsche Kirche! Ich halte den Vorwurf insgesamt für falsch, wir würden auf dem synodalen Weg Fragen traktieren, die außer uns Deutschen niemanden interessieren. Der Papst erinnert uns zurecht an unsere Einbettung in das Gesamt der Kirche. Aber das heißt umgekehrt doch auch, dass Impulse aus Deutschland auch für andere Teile der Weltkirche bedeutsam sein können. Und ich weiß kein Land auf der Erde, wo die Macht in der Kirche, das Priesteramt, die Sexualmoral oder die Rolle der Frau kein Thema wären. Der Papst hat immer wieder von einer legitimen Dezentralisierung gesprochen. An einer Frage wie der Priesterweihe für verheiratete Männer wird sich jetzt entscheiden, wie konkret das werden darf. Ich hielte verheiratete Priester in bestimmten Regionen weder für einen Angriff auf die Weltkirche noch auf das Priesteramt generell. Schließlich haben wir doch auch in der römisch-katholischen Kirche längst Ehemänner im aktiven Dienst als Priester – etwa solche, die als ehemals evangelische Pfarrer übergetreten sind und die dann natürlich ihre Familien behalten durften.

Ein weiteres Thema des synodalen Wegs ist die Sexualmoral.

Hier scheinen mir die Positionen derzeit noch am unversöhnlichsten aufeinander zu treffen: Die einen sagen, dazu ist alles gesagt, und die kirchliche Lehre darf sich nicht verändern. Die anderen sagen: Die Wirklichkeit des Lebens – einschließlich dessen, was die Humanwissenschaften sagen – muss die Lehre verändern. Da prallen Welten aufeinander.

Was sagen Sie?

Der Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass es – abgesehen von den Essentials im Glaubensbekenntnis - nichts gibt, was in der Kirche nicht dem Wandel der Zeit unterworfen gewesen wäre. Das gilt auch für die Sexualethik. Gewiss wurden Jesu Worte über die eheliche Treue zu allen Zeiten hochgehalten. Aber ansonsten haben sich die kirchlichen Positionen zur Sexualmoral sehr stark verändert, und immer haben dafür auch die jeweils bestimmende Kultur und die Lebenswirklichkeit der Menschen eine Rolle gespielt. Deshalb rate ich zu größerer Gelassenheit und weniger Starre. Ein Weg für eine Fortentwicklung wäre, sich von der Fixierung auf den Geschlechtsakt zu lösen und stattdessen das Ganze einer Beziehung zu sehen.

Kardinal Rainer Woelki aus Köln und Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg haben ihre Mitwirkung beim synodalen Weg schon vor Beginn unter Vorbehalt gestellt und signalisiert, dass sie eigentlich dagegen sind. Wie stark belastet das den Prozess?

Also, ich wünsche mir von allen Beteiligten, dass sie den synodalen Weg nicht als einen Marsch auf Biegen und Brechen verstehen, sondern dass sie immer wieder Richtung und Zielperspektive überprüfen. Ich gehe davon aus, dass auch die Laien sich einen Ausstieg vorbehalten, wenn sie den Eindruck gewännen, das läuft grundfalsch. Ich werbe allerdings sehr dafür, den Weg nicht von vornherein schlecht zu reden, sondern ihn als Chance zu begreifen, dass die Themen auf den Tisch kommen, die jetzt dran sind. Sie zu ignorieren oder zu tabuisieren, wird uns nicht weiterführen.

Das Gespräch führte Joachim Frank

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