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Kunst in Köln-Sürth"Die Fuhrwerkswaage ist eingemauert"

Lesezeit 5 Minuten
Heufelder vor der Mountain View Gallery in der Bergstrasse

Jochen Heufelder vor „seiner“ Fuhrwerkswaage 

Sürth – Im Jahr 2016 hat die Häfen und Güterverkehr Köln (HGK) das ganze Grundstück rund um den Sürther Bahnhof inklusive des alten Umspannwerks, in dem seit Jahrzehnten der Kunstverein Fuhrwerkswaage beheimatet ist, an einen privaten Investor verkauft. Obwohl die Betreiber des Kunstvereins am Erwerb des Umspannwerks großes Interesse bekundet hatten, ging der Zuschlag nicht an die Kunstschaffenden. Dem alten Klinkerbau drohte die Abrissbirne. Und auch der Versuch, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, scheiterte. Doch fünf Minuten vor Zwölf fand sich doch noch eine Lösung – es wird gebaut und gleichzeitig läuft der Ausstellungsbetrieb weiter. Jochen Heufelder, der vor 42 Jahren den Kunstverein gegründet und in den letzten fünf Jahren alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, spricht über die Veränderungen, die die Bauarbeiten in der Nachbarschaft mit sich bringen.

Die existenzielle Bedrohung für den Sürther Kunstverein ist seit Anfang diesen Jahres vom Tisch. Hatten Sie zwischendurch die Hoffnung aufgegeben?

Ja, ich hatte zwischendurch meine Zweifel. Schöpfte dann aber Hoffnung, als der neue Eigentümer uns das Gebäude zum Kauf anbot. Ich habe sehr viele Gespräche geführt. Wir haben versucht, ein tragfähiges Konzept auf die Beine zu stellen, das war aber schlicht und ergreifend nicht möglich, weil wir die erforderlichen 500 000 Euro einfach nicht auftreiben konnten. Am 24. Dezember 2021 elf Tage vor Ablauf des Mietvertrages, kam die Rettung. Ein privates Sammlerpaar aus dem Kölner Süden hat die Fuhrwerkswaage für eine halbe Million Euro gekauft. Und wir haben jetzt einen neuen Vermieter und einen langfristigen Mietvertrag.

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Fünf Jahre Hartnäckigkeit haben sich gelohnt?

Absolut. Wir haben jetzt mit den neuen Eigentümern Planungssicherheit und zugleich den Kopf voller Ideen. Nächstes Jahr kommt das Römisch-Germanische Museum hier in die Fuhrwerkswaage: Gezeigt werden antike Fundstücke aus der Umgebung. Das Museum geht in die Vorstädte, hier wohnen die Leute. Außerdem wurden jetzt aus der „Causa Fuhrwerkswaage - HGK“ Lehren gezogen. Das Kulturamt ist federführend in der Vorbereitung eines Papiers, in dem festgehalten werden soll, dass bei der Veräußerung von städtischen Liegenschaften erstmal geprüft werden soll, ob sich auf dem Gelände eine erhaltenswerte Kulturinstitution befindet. Immerhin ein kleines Trostpflaster.

Als Sie vor 42 Jahren dieses alte Backsteingebäude entdeckten, war es Teil des stillgelegten Sürther Bahnhofs. Es stand damals als Solitär auf einer freien Fläche. Jetzt wird vor Ihrer Haustür kräftig gebaut. Blutet da Ihr Herz?

Was draußen passiert um uns herum, das hat mir viele Kopfschmerzen bereitet. Die neuen Mehrfamilienhäuser mit vier Etagen sind schon sehr mächtig. Durch die Höhe der Häuser ändern sich die Lichtverhältnisse in der Fuhrwerkswaage, den Lichteinfall durch die beiden Fenster im Osten wird es nicht mehr geben. Damit ist die alte Atmosphäre weg. Wir haben um das Gebäude rundherum nur noch einen 2,5 Meter breiten Streifen. Der grüne Bug, die Spitze an der Nordseite, ist weg. Das ist niederschmetternd. Wir mussten den Eingang verlegen an die Bergstraße. Die Fuhrwerkswaage ist eingemauert. Ja, sie ist eingemauert.

Brücken-Ausstellung Boris Becker

Der Kölner Fotograf Boris Becker segelte in der Coronazeit mit seiner Familie von der Maas bis an die Oder und an die Ostsee; dabei durchquerte er Holland, Belgien, Deutschland und Polen auf Flüssen und Kanälen und fotografierte dabei alle 650 Brücken. Die Ausstellung  Von der Maas bis an die Oder ist noch bis zum 17. Oktober in der Fuhrwerkswaage zu sehen. 

http://www.fuhrwerkswaage.de

Der nächste vierstöckige Wohnblock ist gerade mal sieben Meter von dem alten Klinkerbau entfernt. Hatten Sie während der Planungsphase die Möglichkeit, mit dem Investor zu kommunizieren?

Die Planung ist komplett an uns vorbeigelaufen, wir mussten alles zur Kenntnis nehmen. Jetzt in der Schlussphase haben wir ein Veto gegen ein riesiges Tor eingelegt, das die beiden Kathedralfenster an der Nordwand und die Nachtbeleuchtung optisch gestört hätte. Die Intervention hat funktioniert und wir bekommen vom Investor eine einmalige Spende von 50 000 Euro. Das tut unseren Finanzen sehr gut.

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Der Kunstverein Fuhrwerkswaage hat seit zwei Wochen einen neuen Vorsitzenden. Dieter Steinkamp, noch Chef der Rheinenergie, ein Mann aus der Wirtschaft. Welche Voraussetzungen bringt er für den Posten des Vorsitzenden eines Kunstvereins mit?

Der ehemalige deutsche Innenminister Gerhart Baum war 26 Jahre lang Vorsitzender. Er wird jetzt 89 Jahre alt und wollte sich auf eigenen Wunsch zurückziehen. Er bleibt unser Ehrenvorsitzender. Wir haben uns ein Jahr lang nach einem neuen Vorsitzendem umgeschaut. Wichtig war uns eine Person, die dieses Haus weiterentwickeln kann. Ich kenne Herrn Steinkamp seit vielen Jahren, er interessiert sich für Kunst und Kultur, und er ist sehr gut vernetzt. Uns geht es in erster Linie darum, dass dieses Kunst-Areal für die Zukunft gesichert wird. Wir müssen das Haus weiterentwickeln, uns auch finanziell anders aufstellen.

Viele Jahre war die Fuhrwerkswaage ein altes Backsteingebäude hinter einem Zaun – quasi Kunst hinter Schloss und Riegel. Sehen Sie Chancen, den Sürther Kunstraum bei den Bürgern, gerade bei den vielen Neubürgern, populärer zu machen?

Unsere Aktion während des Lockdowns, die Außenfassaden der Fuhrwerkswaage als Ausstellungsfläche zu nutzen, wurde von den Menschen sehr gut aufgenommen. Alle Museen hatten zu, aber in Sürth konnte man 24 Stunden lang Kunst betrachten, ohne Ticket, ohne Maske und ohne Test. Die Leute konnten Kunst live erleben, denn die Aura eines Kunstwerks ist nicht zu digitalisieren. Das unmittelbare Erleben, das Farbenspiel, das ist anders als ein Streaming.

Durch die Neubauten werden die Außenfassaden der Fuhrwerkswaage als Ausstellungsfläche zunehmend unattraktiv? Als das Gebäude hier noch alleine stand, haben wir über 14 Jahre immer in der Adventszeit die Außenwand des Gebäudes, die zur KVB-Haltestelle hin liegt, bespielt. Das fällt jetzt tatsächlich weg. Wir müssen wegen der hohen Neubebauung die Westseite aufgeben. Wir haben aber die Ostseite als Ausstellungsfläche entdeckt und können so zwei Künstler gleichzeitig präsentieren. Im Inneren Klassisches und draußen Experimentelles.

Sürth hat jetzt also Kunst im öffentlichen Raum?

Wir haben im letzten Jahr die Ostwand zwölf Mal bespielt, die Kosten von 40 000 Euro kamen aus Spenden. Die Bilder werden auf großen PVC-Bahnen gedruckt und an der Außenfassade befestigt. Nach der Ausstellung lassen wir aus den PVC-Planen in einer Behindertenwerkstatt Taschen produzieren. Alles Unikate für gerade mal 20 Euro.

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