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Interview zum Lehrkräftemangel„Wenn wir nichts tun, läuft das auf eine Bildungskatastrophe hinaus“

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Das Bild zeigt einen Schüler, der sich meldet, dahinter eine Lehrerin an der Tafel. Der Lehrkräftemangel beschäftigt die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz.

Der Lehrkräftemangel beschäftigt die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz.

Michael Becker-Mrotzek von der Uni Köln ist Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Er hat Ideen, wie man wieder an mehr Lehrkräfte kommen kann.

Herr Professor Becker-Mrotzek, von welchen Zahlen reden wir, wenn wir vom Lehrkräftemangel sprechen? Der Lehrerverband geht von bundesweit 40.000 offenen Stellen aus, die Länder nennen rund 14.000 Stellen – allein in NRW berichtet das Bildungsministerium von 8.000 offenen Stellen.

Da gibt es in der Tat unterschiedliche Berechnungen, weil unterschiedliche Parameter zugrunde liegen. Die Kultusministerkonferenz geht davon aus, dass bis 2025 etwa 25.000 Lehrkräfte deutschlandweit fehlen. Das steigt bis 2030 auf 30.000 Stellen. Es gibt aber auch Prognosen, die mit deutlich höheren Zahlen operieren: diesen Schätzungen zufolge könnten bis 2035 bis zu 85.000 Lehrkräfte fehlen. Die Zahlen sind auch deshalb mit Unsicherheit belastet, weil zum Beispiel aus der Ukraine bislang 200.000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler aufgenommen wurden.

Hängt der Lehrkräftebedarf nicht auch von Schulform und Region ab?

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Besonders groß ist der Bedarf in der Sekundarstufe, also den Klassen fünf bis zehn, sowie in den Grundschulen und an den Berufsschulen – im gymnasialen Bereich hingegen werden zum Teil mehr Lehrkräfte ausgebildet als eingestellt werden können. Was die regionale Verteilung betrifft, so ist der Bedarf in den ländlichen Gebieten größer, ebenso auch in den sozial schwierigen Lagen der Großstädte und Ballungszentren.

Zahlreiche Lehrkräfte gehen in den Ruhestand

Man hat den Eindruck, der Lehrkräftemangel trifft uns überraschend. Wieso ist das nicht längst Thema?

Die Prognosen liegen bereits länger vor, wobei sie durch die gestiegenen Schülerzahlen seit 2015 teilweise veraltet sind. Gleichzeitig gehen nun zahlreiche Lehrkräfte in den Ruhestand, während weniger geburtenstarken Jahrgänge nachrücken und weniger Studierende die Universitäten verlassen, um ein Referendariat zu beginnen. Insofern gibt es mehrere Tendenzen, die sich gegenseitig verstärken.

Was empfehlen Sie der Kultusministerkonferenz?

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nach Lösungen zu suchen. Wir können es uns nicht leisten, dass die Qualität des Unterrichts gesenkt wird. Wir wissen etwa durch den IQB-Bildungstrend, dass jetzt schon ein Viertel der Schülerinnen und Schüler an den basalen Kompetenzen, an den Mindeststandards scheitert, und es sind gerade diese Kinder und Jugendlichen, die gut ausgebildete Lehrkräfte brauchen. Deswegen kommen wir nicht umhin, auch einige unpopuläre Maßnahmen umzusetzen.

Zu viele Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in Teilzeit

Zum Beispiel?

Man muss Beschäftigungsreserven bei den voll ausgebildeten Lehrkräften suchen: Es geht darum, Personen, die bereits im Ruhestand sind oder sich kurz davor befinden, dafür zu gewinnen, länger zu arbeiten. Die erste Gruppe ist diejenige, die derzeit noch häufig vor dem Erreichen der Pensionierungsgrenze ausscheidet – sie muss zum Weitermachen bewegt werden. Hinzu kommt die Reduktion der Unterrichtsverkürzung aus Altersgründen. Auch hier ist zu prüfen, in welcher Form und ob dies weiterhin gewährt werden kann.

Wie verhält es sich mit der Teilzeit?

Dort liegt ein weiteres großes Potenzial. Fast 50 Prozent der Lehrkräfte arbeiten in einem Teilzeitverhältnis, das ist deutlich mehr als in anderen Berufsfeldern. Fast 450.000 Lehrkräfte bundesweit arbeiten in Teilzeit – mit Blick darauf empfehlen wir, dass die Länder gemeinsam mit den Personalvertretungen überlegen, durch welche Maßnahmen diese Quote verringert werden kann.

Nun spricht die NRW-Bildungsministerin Feller davon, den Lehramtsberuf attraktiver zu machen. Dazu zählt für viele die Teilzeit.

Wenn wir nichts tun, läuft das auf eine Bildungskatastrophe hinaus. Natürlich ist es attraktiv, in Teilzeit zu arbeiten, und in Phasen der Familiengründung ist es sogar notwendig. Auf der anderen Seite hat man als Lehrerin oder Lehrer einen sehr sicheren Beruf. Es nutzt niemandem, wenn die nachfolgende Generation nicht so ausgebildet ist, dass sie gut die frei werdenden Arbeitsplätze einnehmen kann. Schon jetzt ist die Zahl derer zu groß, die dafür nicht ausreichend qualifiziert sind. Vor dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe müssen wir abwägen, wie die Interessen der Einzelnen im Vergleich mit der gesellschaftlichen Herausforderung zu gewichten sind. Damit Eltern nicht auf Teilzeit angewiesen sind, würde zu den Gegenmaßnahmen gehören, die organisatorischen Rahmenbedingungen etwa für die Kinderbetreuung zu verbessern.

Fähigkeiten ausländischer Lehrkräfte bleiben ungenutzt

Muss man dafür nicht mehr Geld ins System geben?

Nicht unbedingt. Wenn Sie 8000 Stellen im Haushalt vorgesehen haben, die nicht besetzt sind, ist das keine Frage des Geldes. Zunächst einmal geht es darum, das vorhandene Geld auszugeben. Deswegen ist es eines der Empfehlungspakete, die Gesundheitsvorsorge zu verbessern.

Werden Potenziale nicht genutzt?

Es gibt aus den verschiedenen Fluchtbewegungen viele ausländische Lehrkräfte, deren Fähigkeiten in Deutschland ungenutzt bleiben. Es geht darum, sie für den Einsatz in der Schule rasch zu qualifizieren. Dazu sind in NRW Maßnahmen bereits gut angelaufen: Wenn jemand ein Mangelfach wie Mathematik unterrichtet, aber nur ein Fach studiert hat, darf das kein Hinderungsgrund sein. Dann sollte die Person kein zweites Fach nachstudieren müssen.

Was halten Sie von der Maßnahme, die auch Dorothee Feller in ihr „Handlungskonzept Unterrichtsversorgung“ aufgenommen hat, Gymnasialkräfte in Grundschulen einzusetzen und sie dafür entsprechend fortzubilden?

Auch das ist eine Empfehlung, die wir geben. Gymnasialkräfte haben eine solide fachwissenschaftliche und didaktische Ausbildung, allerdings müssen sie in Grundschulpädagogik und Erstunterricht nachqualifiziert werden. Aber allein von der Vorbildung her sind diese Kräfte den Aufgaben der Grundschule wesentlich näher als fachfremde Seiteneinsteiger.

Michael Becker-Mrotzek ist Mitglied der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz und seit 1999 Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Schreibforschung und Schreibdidaktik, Gesprächsforschung und Gesprächsdidaktik sowie Unterrichtsentwicklung. Seit Anfang 2012 ist er Direktor des Mercator-Instituts. Er ist außerdem wissenschaftlicher Leiter der Abteilung Sprache und Bildungssystem.

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