Eröffnung des Literaturfestivals PoeticaGott ist 53 Jahre alt und in der Menopause

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Daniela Danz und Kendel Hippolyte in der Poetica 2024

Daniela Danz und Kendel Hippolyte in der Poetica 2024

Die Poetica startete mit zehn Autorinnen und Autoren aus aller Welt. Rou Reynolds von „Enter Shikari“ sang „Arguing with Thermometers“.

Gott ist 53 Jahre alt, in der Menopause und hat Falten. So zumindest in María Paz Guerreiros Gedicht „Dios también es una perra“, wahlweise übersetzt mit „Gott ist auch eine Hündin“ oder „Gott ist auch eine Schlampe“. Hier kämpft Gott darum, keine tierischen Produkte zu essen, wird aber für ein Sandwich mit Mayonnaise schwach. Und nimmt dann nicht mal Vollkornbrot. „Gott sitzt in uns. Wir sind Kannibalen.“

Eröffnung der Poetica in der Aula der Kölner Universität

Die Kolumbianerin trägt ihr Gedicht zur Eröffnung der Poetica in der Aula der Kölner Universität vor. Der erste Tag des Literaturfestivals bietet ein poetisches Schaulaufen mit 10 Autorinnen und Autoren von drei Kontinenten. Das Publikum bekommt sie in Dreier- oder Viererhäppchen auf der Bühne serviert. Jeder von ihnen darf mal an das Rednerpult herantreten, um ein oder zwei Gedichte in Originalsprache vorzutragen. Wo eine deutsche Übersetzung nötig ist, lesen sie die Schauspieler Philipp Plessmann, Yuri Englert und Yvon Jansen. Dann geht es an einen der vorderen beiden Sitzplätze, um mit der Kuratorin Daniela Danz über ihre Kunst zu sprechen. 

Das diesjährige Thema der Poetica ist die Natur. Die Eindrücke, die die Autorinnen und Autoren dabei teilen, sind so unterschiedlich wie ihre Texte. Liana Sakelliou erzählt von ihrem Haus in Griechenland, das in unmittelbarer Nähe eines Kiefernwaldes steht. Ein Hitzesommer bedeutet für sie, dass sie und ihre Nachbarn ihr Heim im Feuer verlieren könnten. Die Füchse, die die Autorin besuchen – sie haben herausgefunden, wann sie ihre Katze füttert – tauchen auch in ihren Gedichten auf. Durch den Verlust von Lebensraum rücken wilde Tiere in die Nähe des Menschen.

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Literaturfestival mit Autoren aus der Karibik, Japan, dem Iran und weiteren Ländern

In Kendel Hippolytes Fall ist sogar seine ganze Heimat wegen des Klimawandels bedroht. Er stammt aus St. Lucia, ein durch den Anstieg des Meeresspiegels bedrohtes Inselparadies. Deswegen engagiert sich der Autor auch als Aktivist. „Diese Insel kämpft, um sich selbst einzuschreiben in ein Gedicht, das nicht ausgelöscht werden kann“, heißt es in seinem „Inselgedicht“. Im Gespräch verbreitet er aber eine hoffnungsfrohe Botschaft. Er kenne die Zweifel darüber, ob das alles noch klappen kann. Verzweiflung sei für ihn aber keine Option mehr. „Ich kann nicht mein Enkelkind anschauen und sagen: Es gibt nichts, was wir tun können. Das ist die Welt, die wir hinterlassen.“ Ihm macht Hoffnung, wie die Jugend sich Gehör in dieser Sache verschafft.

Man könnte sich in das Werk und die Biografie eines jeden Autors vertiefen, hier bekommt man sie aber am Fließband serviert. Takako Arai liefert eine schwarzhumorige Verarbeitung des Reaktorunglücks in Fukushima, während Ali Abdollahi in dem kurzen Gespräch mit Daniela Danz die Natursymbolik in der persischen Literaturgeschichte umreißt. Und seine Reise zurück zu Rumi und Attar macht er auch noch auf Deutsch – der Iraner lebt im Exils in Berlin und hat bereits Werke von Heine, Nietzsche, Kafka und Brecht aus dem Deutschen ins Persische übertragen, um sie den Menschen aus dem Iran zugänglich zu machen.

„Enter Shikari“-Frontmann singt „Arguing with Thermometers“

Mit Rou Reynolds erlebt das Kölner Publikum dann Lyrik als Musik, also in ihrer wohl populärsten Form. Der Frontmann von „Enter Shikari“ spielt eine akustische Solo-Version von „Arguing with Thermometers“. Und nachdem er besungen hat, wie die Eiskappen schmelzen und wir mit Militärausrüstung um das Öl darunter kämpfen, schließt er: „You haven’t thought this through, have you boys?“

Anders die Poetica. Da kommen zehn Autoren und Autorinnen aus aller Welt, die sich nicht kennen, zusammen und lassen erst einmal ihre Eindrücke zu diesem globalen Thema in all ihrer Ungleichartigkeit stehen. „Die Schönheit der Poesie ist, dass sie so umfassend ist. Sie erlaubt mehr als eine Wahrheit, mehr als eine Verbindung, mehr als eine Realität“, so die US-amerikanische Dichterin Camille T. Dungy. Esther Kinskys Geländebetrachtungen und Raphael Urweiders in Südafrika verfasstes Tagebuch haben gänzlich andere Stile und Formen. Gerade in ihrer Vielfalt zeigen die Gedichte aber, wie die Natur und ihr menschenbedingter Wandel in jeden Bereich des menschlichen Zusammenlebens und in alle Welt hineinwirkt.

Um es mit einem Zitat aus Nikola Madžirovs Gedicht zu sagen: „Ich fürchtete keine Entfernungen – ihre Nähe machte mir Angst“. Und im Verlauf der Woche, während die Autorinnen und Autoren in kleinen Gruppen erneut zusammen auftreten, wird dieses Gemeinsame immer mehr zutage treten. Erst in der Abschlussveranstaltung am 27. Januar werden sie wieder alle zusammen auf der Bühne stehen.

Zur Veranstaltung

Die Poetica (22. bis 27. Januar) ist ein internationales Literaturfestival mit dem Fokus auf Lyrik. Sie findet seit 2015 jährlich in Köln statt. Die Universität zu Köln veranstaltet die Poetica in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Das ganze Programm gibt es hier.

Der Deutschlandfunk hat die Eröffnungsveranstaltung der Poetica aufgezeichnet und strahlt sie am 28. Januar um 22 Uhr aus.

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