Katharina Thalbach spielt „Miss Merkel“„Ich war immer Fan“

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Miss Merkel (Katharina Thalbach) trägt einen violetten Blaser, sie hält die Hände in einer für die Kanzlerin typischen Geste vor sich.

Miss Merkel (Katharina Thalbach) löst den Mordfall, während ihre geladenen Gäste ihr aufmerksam zuhören. Die Verwendung des sendungsbezogenen Materials ist nur mit dem Hinweis und Verlinkung auf RTL+ gestattet.

Katharina Thalbach spielt in einem Krimi Angela Merkel. Im Gespräch outet sich die Schauspielerin als Fan der Kanzlerin, auch wenn sie ihr nie ihre Stimme gegeben hat.

Frau Thalbach, was war Ihr erster Gedanke, als man Ihnen anbot, Angela Merkel zu spielen, die als Detektivin in der Uckermark einen Mord aufklärt?

Katharina Thalbach: Ich war fassungslos. Was für eine tolle Idee. Das ist geradezu englisch, als ob die BBC sich das ausgedacht hätte. Das Buch des wunderbaren David Safier und die Traute von RTL - ich war begeistert.

Sie haben Angela Merkel vor zehn Jahren in der Politik-Satire „Der Minister“ schon einmal gespielt. In der Zwischenzeit gab es reichlich Angebote, sie nochmal darzustellen. Vieles haben Sie abgelehnt. Warum war nun der Zeitpunkt gekommen, sie erneut zu spielen?

Alles zum Thema Angela Merkel

Weil dieser Film etwas ganz anderes ist. Er versucht ja gar nicht, realistisch zu sein. Er behauptet nicht, Angela Merkel darzustellen in ihrem Rentendasein. Diese Geschichte ist die kühne Behauptung, dass sie erstmal froh ist ohne Politik, es ihr aber doch langweilig wird. Also mischt sie sich auf andere Art und Weise ein. Nicht in die Politik, sondern in die Aufklärung eines Mordfalles. Das finde ich einfach frech. Das mag ich.

„Miss Merkel“ zitiert britische Krimis wie „Miss Marple“ von Agatha Christie

Und dass man dabei an Miss Marple denken muss, gefällt Ihnen vermutlich auch, oder?

Der spricht mir aus dem Herzen, denn ich bin seit Jahrzehnten Agatha-Christie-Fan. Ich habe mir auch den Wunsch erfüllt, auf der Bühne Hercule Poirot zu sein. „Mord im Orientexpress“ habe ich vor anderthalb Jahren in Berlin inszeniert, das läuft immer noch. Dass ich nun eine Art Miss Marple in Kombination mit Angela Merkel sein darf, finde ich genial. Das ist ein großes Geschenk, über das ich mich sehr freue. Und ich hoffe, die Leute mögen es auch, damit wir weitermachen können.

Wie geht man diese Rolle an? Jeder kennt Angela Merkel.

Alles spricht dagegen. Ich bin zu klein, ich habe zu große Augen, meine Stimme ist zu tief. Da komm ich nicht an Angela Merkel ran. Aber mit Blazer und Frisur macht sie es einem einfach. Und es gibt auch noch ein paar andere Dinge, wo ich mich ihr durchaus verwandt fühle. Wir sind dasselbe Baujahr, sind beide 1954 geboren. Wir sind beide in der DDR groß geworden, haben beide mit der Kirche zu tun gehabt. Ich habe auch Physik geliebt. Ich habe sehr früh mit Regie auch einen Männerberuf gemacht. Bei ihr ist immer alles eine Nummer größer. Sie war erst Ministerin und ist gleich Kanzlerin geworden, höher geht es nicht. Das macht Spaß. Bei der BBC wäre die Queen die Miss Marple.

Sie haben ihre Blazer angesprochen. War das eine Art Uniform?

Die Männer ziehen immer ihre mehr oder weniger gutsitzenden Anzüge an. Das ist auch eine Uniform. Also musste sie sich ihre Uniform schaffen. Als sie einmal ein ausgeschnittenes Kleid trug, war ja sofort Aufruhr. Sie hätte machen können, was sie wollte. Sie wäre immer dem Gelächter anheimgefallen. Ich fand ihre Lösung genial. Auch die Ikonografie, dass man sie auf allen Fotos sah, wo man die Männer gar nicht mehr erkannte bei großen Zusammenkünften. Es war nicht die Frage der Schönheit der Klamotten, sondern das Gesehenwerden. Auch das war wie bei der englischen Königin.

Die Schauspielerin hat großen Respekt vor Angela Merkel

Sie haben gesagt, Ihr Respekt vor ihr sei groß. Warum?

Ich habe großen Respekt vor ihr, denn ich finde bemerkenswert, was sie geleistet und wie anständig sie sich immer verhalten hat. Sie hat im Gegensatz zu vielen anderen keine Leichen im Keller, da können sie noch so lange kramen. Und sie zieht sich jetzt zurück und nimmt nicht einen hochdotierten Vorstandsposten an. Niemand weiß, was sie in der Uckermark treibt.

Aber gewählt haben Sie sie nicht?

Sie war nie meine Partei. Aber sie war über 16 Jahre lang eine Kanzlerin, bei der ich mich auf eine Weise behütet gefühlt habe. Das Wort Mutti im besten Sinne. Das haben immer nur Männer hochnäsig zu ihr gesagt, die zu Kohl nie Vati gesagt hätten. Man kann sie als eine Landesmutter sehen. Sie wurde ja im Ausland viel mehr geschätzt als zu Hause, das weiß ich von vielen Freuden, die gesagt haben: Ihr habt ja wenigstens die Merkel. Ich war immer Fan.

Denken Sie darüber nach, wie Angela Merkel den Film finden würde?

Ja. Ich weiß nicht, ob sie sich das anschaut und glaube es eher nicht. Aber wenn sie es schaut, hoffe ich, dass sie sich in keiner Weise durch mich verletzt fühlt. Das würde mir sehr fern liegen. Ich mag sie und habe versuchsweise sehr gerne in ihrer Haut gesteckt.

Thalbach wurde in „Lieber Thomas“ selbst schon zur Filmfigur

Sie haben gesagt, David Safier habe aus ihr eine Märchenfigur gemacht. Wie meinen Sie das?

Märchenfigur ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Er hat eine Kunstfigur aus ihr gemacht. Es ist ja kein Biopic, es geht nicht um Realismus. Und das ist hilfreich gewesen. Es geht um Vermutungen, denn niemand weiß, wie ihr Wohnzimmer aussieht oder was sie mit ihrem Mann spricht. Ich hoffe, sie fühlt sich durch keine dieser Vermutungen desavouiert.

Sie haben es ja selbst erlebt, dass Sie in einem Film von einer Schauspielerin dargestellt wurden. Jella Haase spielte sie in „Lieber Thomas“ über Thomas Brasch.

Ich möchte mit diesem Film nichts zu tun haben. Ich fand das Drehbuch grauenhaft. Und ich habe mich ganz bewusst aus allem rausgehalten. Das hat nichts mit meiner Geschichte zu tun. Das ist alles Erfindung pubertierender alter Männer. Ich habe den Film gar nicht gesehen.

Initative setzt sich für mehr Rollen für Schauspielerinnen ab 50 ein

Es gibt gerade eine Initiative von Schauspielerinnen, die sich dafür einsetzen, dass es mehr und bessere Rollen für Frauen ab 50 gibt. Haben Sie die Erfahrung auch gemacht, dass die Angebote irgendwann weniger wurden?

Ich habe im Leben immer Glück gehabt und konnte mich nie beschweren. Aber auch ich kenn es durchaus, dass in der Zeit zwischen Mitte 30 und Mitte 50 die Rollenangebote rar waren. Ich hatte Glück, weil ich immer Regie geführt habe. Deshalb hatte ich immer Arbeit auf anderer Ebene. Wäre ich nur auf die Schauspielerei angewiesen gewesen, wäre es mir auch nicht so gut gegangen. Ich wäre ja schön blöd, wenn ich mir nicht wünschen würde, dass wir mehr Rollen kriegen. Vor allem würde ich aber gerne sehen, dass wir gleich bezahlt werden. Das ist die Grundforderung. Wir müssen alle für dieselbe Arbeit dasselbe Geld kriegen.

Wie schwer war es für Sie, sich als Regisseurin durchzusetzen?

Ich war mit eine der ersten, die auch Regie am Theater geführt hat. Das wurde immer thematisiert. Ich habe das aber nie als schwer empfunden. Mir ging es immer weniger um die Frage Frau oder Mann, sondern was ist gute und was ist schlechte Arbeit. Mir ist erst hinterher klar geworden, dass ich eine Ausnahme war. Genauso wie mir jetzt erst klar wird, dass ich schon gegendert habe, als noch niemand dieses Wort kannte. Da habe ich schon Männerfiguren gespielt, und es war mir egal, ob ich das Geschlecht habe oder nicht.

Katharina Thalbach über #MeToo und ihr Aufwachsen in der DDR

Hat die #MeToo-Debatte langfristig etwas für Schauspielerinnen verändert?

Auch da kann ich nicht mitreden. Wenn bei mir jemand etwas probiert hat, hat er einen Tritt in die Eier bekommen oder eine Backpfeife. Aber das ist nicht die Regel. Es gibt genug Frauen, die sich das nicht trauen und genug widerliche Männer wie Harvey Weinstein, die ihre Machtposition ausnutzen. Und dass das an die Öffentlichkeit gekommen ist, ist richtig.

Wie sehr hat Ihr Aufwachsen in der DDR ihr Rollenverständnis geprägt?

Ich weiß nicht, ob das mit der DDR zu tun hat, wo wir alle als Frauen etwas selbstbewusster waren. Dass das im Westen anders ist, habe ich schnell gemerkt. Da war ein anderer Kampf nötig, das fand ich sehr befremdlich. Für mich war es eine große Umstellung. In der DDR war ich als Mutter viel besser versorgt als im Westen, allein durch die Tatsache, dass man immer Anspruch auf einen Kindergartenplatz hatte und den auch bekam, dass man automatisch krankgeschrieben war, wenn das Kind krank war. Wenn man das für selbstverständlich gehalten hat, hat es einen geprägt.

Es ist doch eigentlich verrückt, dass wir heute immer noch über diese Fragen reden müssen, oder?

Ja, bei vielen Dingen wundere ich mich. Zum Beispiel, wenn Heiraten plötzlich als das Erstrebenswerteste gilt. Da waren wir doch schon mal weiter. Aber die Welt geht immer ein paar Schritte vor und dann wieder zurück. Das ist auch nicht neu.

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