Vor dem Kölner Waters-KonzertWie anfällig ist die Hochkultur für Judenhass?

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Am Tag vor dem Roger-Waters-Konzert in Köln veranstaltet die Stadt eine Podiumsdiskussion mit Workshop zum Thema Antisemitismus in Kunst und Kultur. Auf dem Podium sitzen Stella Leder, Stefan Charles und Abraham Lehrer.

Es diskutierten Stella Leder, Stefan Charles und Abraham Lehrer (v.l.).

Am Tag vor dem Kölner Konzert von Roger Waters ließ die Stadt Köln über Antisemitismus in Kunst und Kultur diskutieren - und setzte ein Zeichen der Solidarität.

Verhindern konnte die Stadt Köln den Auftritt des Pink-Floyd-Mitbegründers Roger Waters in der Lanxess-Arena nicht. Entsprechende Apelle des Stadtrats verhallten ungehört. Aber am Tag vor dem umstrittenen Auftritt wollte die Stadtspitze, wie es hieß, deutlich Flagge zeigen gegen eine Rocklegende, die zu den prominentesten Unterstützern der „israelkritischen“ Boykott-Bewegung BDS gehört. In ihrem Grußwort zur Podiumsdiskussion über „Antisemitismus in Kunst und Kultur“ erinnerte Oberbürgermeisterin Henriette Reker daran, dass die Judenfeindschaft in Deutschland aus der gebildeten Mitte gekommen sei und zeigte sich offen erschüttert darüber, wie leicht es manchen Menschen falle, zwischen dem Musiker und dem BDS-Aktivisten Roger Waters zu unterscheiden. Für sie persönlich, so Rekers, seien bei Waters die Grenzen des Hinnehmbaren überschritten. „Es gibt in Köln keinen Platz für Antisemitismus“, schloss Rekers unter dem Beifall des Publikums.

Es gibt in Köln keinen Platz für Antisemitismus
Henriette Reker

Ein Blick in die aktuellen Schriftsätze von Meldestellen und Staatsanwaltschaften sagt leider etwas anderes – antisemitische Vorfälle gehören auch ohne Waters-Auftritte zur Kölner Alltagswirklichkeit. In der Podiumsdiskussion im Stiftersaal des Wallraf-Richartz-Museums ging es freilich um die institutionelle Hochkultur und deren Anfälligkeit für Judenhass. Geladen waren Kölns Kulturdezernent Stefan Charles, Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sowie Stella Leder vom Berliner Institut für Neue Soziale Plastik, die auch den einleitenden Vortrag zum Thema hielt.

Nach einem historischen Exkurs ging Stella Leder ausführlich auf die vielfältigen deutschen BDS-Debatten der letzten Jahre ein. In diesen ging es um Meinungsfreiheit und die Grenzen des Sagbaren, um die Möglichkeiten, legitime Kritik an der israelischen Palästinapolitik zu üben, und um eine „Umwegkommunikation“, in der sich der Antisemitismus lediglich andere Kanäle sucht und solche, wie nachweislich Teile der BDS-Bewegung, im Medium der „Israelkritik“ findet. Leder erinnerte an verschiedene Debatten, Initiativen und Offene Briefe, in denen im Namen der Kunst- und Meinungsfreiheit der BDS-Boykottbewegung das Wort geredet wurde und die eine spät erkannte antisemitische Dynamik entwickelt hätten. Deren Höhepunkt, so Leder, stellte die Documenta fifteen dar, wobei sie das abgehängte Großplakat von Taring Padi nicht einmal erwähnte. Der größere Skandal bestand für sie offenbar in der 100-tägigen Aufführung der „Tokio Reels“, in denen, so viele Kritiker, antisemitische Klischees in filmischer Endlosschleife gezeigt wurden.

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Stella Leder beklagte einen stillen Boykott israelischer Künstler in Deutschland

Erschrocken zeigte sich Leder auch über die große Zahl prominenter Kulturinstitutionen, die sich der umstrittenen Initiative GG5.3 Weltoffenheit angeschlossen haben. Sie vermutet, dass der deutsche Kulturbetrieb teilweise „schlecht vorbereitet“ auf die BDS-Debatten sei und den verschleierten, auf Israel bezogenen Antisemitismus in der Bewegung schlichtweg verkenne. Gleichzeitig skizzierte sie die Gefahr eines weitreichenden „stillen Boykotts“, in dem sich deutsche Theater, Museen oder Festivals zwar den BDS-Positionen nicht offen anschließen, sich diese aber stillschweigend zu eigen machen, indem sie bewusst darauf verzichten, israelische Künstler einzuladen. Bei einzelnen Festivals sei dies bereits zu beobachten, so Leder, die zudem konstatierte, in einigen deutschen Kulturhäusern sei das Betriebs- und Diskussionsklima mittlerweile so vergiftet, dass man sich in ihnen kaum noch BDS-kritisch äußern könne.

Die Frage, ob er ähnliches in Köln beobachte, wurde Stefan Charles bei der abschließenden Diskussion seltsamerweise erst spät, nämlich aus dem Publikum und auch nur indirekt gestellt. Dabei ging es um den scheidenden Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann, ein Mitunterzeichner der Initiative GG5.3 Weltoffenheit, der zudem das als antisemitisch kritisierte Stück „Vögel“ aufgeführt hatte. Ein Bürger wollte wissen, ob es in der Findungskommission für Bachmanns Nachfolge ausreichend Expertise in Sachen Antisemitismus gebe; Charles erwiderte, dies bislang nicht bedacht zu haben, nahm die Anregung aber dankbar an.

Gleichsam im Vorbeigehen wurde Stefan Bachmann dadurch zum Prüfungsfall erhoben, wobei die Einstufung der „Vögel“ als antisemitisch selbst hochumstritten ist. Stefan Charles plädierte dann auch dafür, an Einzelfällen zu lernen und sich vor Pauschalisierungen zu hüten. Er spüre in Kölner Häusern teilweise Verunsicherung in der BDS-Thematik, aber gerade dies sei eine gute Voraussetzung, die eigene Arbeit kritisch zu überprüfen.

Abraham Lehrer lobte zunächst das breite Bündnis aus Kirchen und Politik, das sich den Waters-Protesten angeschlossen habe. Allerdings gebe es auch Gruppen in der Stadtgesellschaft, die in dieser Hinsicht zögerlicher seien. Zudem berichtete Lehrer von einer um sich greifenden Verunsicherung innerhalb der jüdischen Gemeinden und konstatierte eine gewisse Empathielosigkeit gegenüber den jüdischen Sorgen in Deutschland. Wie zum Beweis monierte ein Bürger, dass auf dem Podium niemand säße, der Waters verteidige. Er hatte offenbar vieles nicht verstanden, unter anderem, dass es in dieser weit über Waters hinausgehenden Diskussion weniger um den Ausgleich divergierender Meinungen ging, als darum, ein Zeichen der Solidarität zu senden.

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